Stube von 1486 mit spätmittelalterlichem Staffelfenster
Reich dekorierter Fest- und Speisesaal der Renaissance
Barocker Salon von 1769 mit prächtigem Kachelofen
Der für die Seidenfabrik Dietschy, Heusler & Cie. 1905 erbaute Mustersaal
Der für die Volksdruckerei errichtete Oberlichtsaal von 1945
Einstiges Fabrikgebäude, 2011 von LOST Architekten umgebaut | Fotos: Ruedi Walti, © Kantonale Denkmalpflege Basel-Stadt

Der Ackermannshof – Spiegel der Basler Stadtgeschichte

Der Ackermannshof in der St. Johanns-Vorstadt 19-21 gehört nicht zu den berühmten Baudenkmälern Basels. Alt zwar, aber auch etwas heruntergekommen und verunstaltet durch Schaufenster und neuere Türen nahm er sich zwischen den herausgeputzten Nachbarhöfen der St. Johanns-Vorstadt bis vor kurzem aus. 1942 hatte ihn die Genossenschaft Volksdruckerei nach zehnjähriger Miete eher widerwillig gekauft, um ihr Domizil nicht zu verlieren. Dann begann der sozialdemokratische Historiker Hans Joneli im Zusammenhang mit dem 25-Jahr-Jubiläum der Basler AZ (Arbeiter-Zeitung, später Abend-Zeitung) die Geschichte des verwinkelten Hauses intensiver zu erforschen und stiess auf das Jahr 1325 als älteste Hausurkunde. Gegen vierzig Besitzer verschiedenster Herkunft konnte er durch die Jahrhunderte nachweisen. Aber erst mit dem jetzigen Umbau gewann das Gebäude auch die Aufmerksamkeit der Basler Denkmalpflege. Sie entdeckte im linken Hausabschnitt Deckenbalken aus dem Jahre 1284 und im anstossenden Teilgebäude noch ältere Mauerresten. Am Ackermannshof lassen sich mithin rund 800 Jahre Geschichte dokumentieren.

Am Anfang war das Fischerhäuschen des Heinrich Ackermann. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts verband sich das Handwerkerhaus etappenweise mit andern Gebäuden zu einer dreiteiligen und dreigeschossigen Häuserreihe, die am Ende des 16. Jahrhunderts zu einer Einheit verbunden, Ende 17. Jahrhundert um einen zusätzlichen Anbau mit Hofeinfahrt erweitert und um 1770 abermals umgebaut, mit Hintergebäuden kombiniert und so immer wieder den Wohn- und Arbeitsansprüchen seiner späteren Besitzer angepasst wurde.

Es waren seit dem späten 14. Jahrhundert wohlhabende Patrizier, die als so genannte Achtburger mit acht Vertretern im bischöflichen Stadtrat Einsitz hatten, elsässische Bürger vornehmer Herkunft oder Handelsleute, die dieses Haus bewohnten. Die Stadt bot ihnen hier, auf der rheinabgewandten Seite der mittlerweile mauergeschützten Vorstadt, eine angenehme Wohnlage, Schutz und geschäftliche Perspektiven. Heute noch zeigt die St. Johanns-Vorstadt augenfällig den Kontrast zwischen den schmalen ursprünglichen Handwerkerhäusern auf der Rheinseite und den palaisartigen Bauten auf tiefen Landparzellen gegenüber.
 
1485 erwarb Ulrich Mellinger, Vogt auf Birseck, den Ackermannshof. Er liess den dritten Gebäudeteil an- oder ausbauen, kaufte auch noch die benachbarte Bannwarthütte und gegenüber das Haus „zum Hag“, verfügte also über einen Immobilienbesitz, den er kaum nur für Privatzwecke brauchte, sondern auch vermietete. Im Jahre 1500 jedenfalls gab er dem aus der Umgebung Nürnbergs stammenden Drucker Johannes Petri (1441-1511) seine Tochter Barbara zur Ehefrau und vielleicht schon vorher den Ackermannshof als Wohnung und Werkstatt.
Das Ereignis verweist auf Basels erste Blütezeit als Wirtschafts- und Kulturstadt. Die zentrale mitteleuropäische Lage am Rheinknie hatte stets schon den Handel angezogen. Das Basler Konzil (1431-1449) machte die Bischofsstadt darüber hinaus zu einem kulturellen Zentrum, in dessen Milieu sich früh das Papiergewerbe und in deren Gefolge der Buchdruck etablierte. Das Druckergewerbe war stark exportorientiert und blieb frei vom Zunftzwang des lokalen Handwerks. Um 1500 gab es um 70 Buchdrucker in Basel. Am berühmtesten war das Trio der drei fränkischen Johannes: Amerbach, Petri und Froben. Während Amerbach und Froben als Verleger und Buchhändler europaweite Kontakte pflegten und mit Humanisten wie Sebastian Brant oder Erasmus von Rotterdam freundschaftlich verkehrten, scheint Petri mehr der Handwerker gewesen zu sein, der sein Know how im Schriftguss entwickelte und schliesslich eine eigene Druckerei nebst Verlag und Buchhandlung, die Petrinische Offizin, eröffnete, die mindestens bis zu seinem Tod im Ackermannshof domiziliert war. Seine bekannten Nachfolger waren sein Neffe Adam Petri und dessen Sohn Heinrich. Die Petrinische Offizin bildet eine der historischen Wurzeln des heutigen Schwabe Verlags. Sicher verdankt sich diese Generationen überdauernde Kontinuität auch der speziellen Situation Basels ab 1501: Damals trat die Stadt der Eidgenossenschaft bei und konnte von nun an dem Handel auf neutralem Boden Sicherheit bieten für einen soliden Aufbau der Geschäfte.

Zwar trat das Druckergewerbe in Basel mit der Reformation (1529) zeitweilig in den Hintergrund, da der Boden für die humanistische Buchkultur wegbrach, dafür aber begann sich im  späten 16. Jahrhundert ein neues Exportgewerbe zu entfalten, wieder von aussen gebracht, von protestantischen Glaubensflüchtlingen aus Italien, Frankreich und den Niederlanden: die Seidenverarbeitung. Auch mit dieser zweiten Glanzepoche Baslerischer Exportwirtschaft ist der Ackermannshof verbunden: Von 1737 an gehörte er einem der führenden Bandfabrikanten, Hans Balthasar Burckhardt-Beck. Hier setzte dieser das von seinem Vater gegründete Unternehmen fort. Der Bau war mittlerweile von seinem vorherigen Besitzer kostbar ausgestattet worden mit dekorativen Wandmalereien im Stile der Spätrenaissance.
Wie der Buchdruck war auch die Seidenbandfabrikation zunftfrei, da sie ihre eigentliche Produktion aufs Land, zu den Posamentern, auslagerte. Im Verlagssystem produzierten die ländlichen Heimarbeiterfamilien mit den vom Kaufmann-Fabrikanten gelieferten Webstühlen und Rohstoffen Seidenbänder für die modischen Bedürfnisse der europäischen Oberschichten; die Fertigware wurde zurück in die Stadt transportiert, vom Fabrikanten gelagert und in den Handel gebracht. Erst nach der Kantonstrennung von 1833 und der Beseitigung der Zunftgesetze nahm auch die städtische Fabrikarbeiterschaft in bedeutendem Masse zu. - Die Burckhardts begannen ihr Geschäft in einer Zeit aufzubauen, als der Basler Rat den Seidenfabrikanten gegen den Widerstand der Zünfte den holländischen Kunststuhl bewilligt hatte, der gleichzeitig bis 16 Bänder weben konnte (1670). Dieser Entscheid erlaubte den Basler Handelsherren eine europäische Monopolstellung in der Seidenbandproduktion zu erlangen. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts brachte es das Konsortium von 23 Firmen auf 1238 Bändelstühle, um 1800 zählte man bereits 3000 Stühle. - Peter Burckhardt-Forcart (1742-1817), Sohn von Hans Balthasar und Schwager von Isaak Iselin, baute den Ackermannshof 1770 in seinem rechten Teil, in der Hofeinfahrt, weiter aus und gestaltete ihn auch im Innern nach seinen Bedürfnissen um, bis hin zum Treppenhaus in dezentem Barockstil. Nach fünf Generationen ging der Betrieb 1848 an einen früheren Angestellten, dessen Erben ihn als Firma Dietschy, Heusler & Cie. bis ins Jahr 1927 im Ackermannshof weiterführten. Dann löste sich die Firma auf. Der Niedergang der Seidenbandindustrie hatte schon im Ersten Weltkrieg eingesetzt, und Basels industrieller Schwerpunkt verlagerte sich zur chemischen Produktion.

Über Zwischenbesitzer, von denen einer den hinteren, an die Spitalstrasse anstossenden Teil des Grundstücks verkaufte, gelangte der Ackermannshof schliesslich im Zweiten Weltkrieg an die Genossenschaft Volksdruckerei. Diese belebte wieder die Tradition des Johannes Petri, legte aber zugleich Zeugnis von einer neuen historischen Epoche ab, dem Basel des 20. Jahrhunderts, das von konfliktreichen und kooperativen Perioden der Auseinandersetzung zwischen Arbeiterbewegung und bürgerlichen Kräften gekennzeichnet war. Ab Ende der Neunzehndreissigerjahre wurde im Ackermannshof die Basler AZ gemacht. 1921 als sozialdemokratisches Parteiblatt erstmal unter dem Namen "Basler Arbeiter-Zeitung" publiziert, erschien die Zeitung 1963 unter dem Titel "Die AZ Abend-Zeitung". Betreut von einem fünfköpfigen Redaktionskollegium wandelte sich das Blatt nach der Fusion der beiden grossen Basler Tageszeitungen (1977) zu einer linken Alternative in der Region. Dank ihrem engagierten Journalismus überlebte die Zeitung noch gute anderthalb Jahrzehnte, um dann dem Würgegriff des ökonomischen Drucks zu erliegen. Über der damaligen Volksdruckerei hatte für kurze Zeit auch der vielseitige Künstler Dieter Roth (1930-1998) Wohnung und Atelier. Der Ackermannshof behauptete sich so durch die Jahrhunderte als multifunktionaler Wohn- und Arbeitsort und als architektonisches Geschichtsbuch in zäher Nachhaltigkeit. Das macht seine Einzigartigkeit aus.

Robert Labhardt / August 2011